Dienstag, 12. Dezember 2017

Vorweihnachtliche Berlingedanken

In diesem Beitrag geht es um Impressionen, Berlin und um Weihnachten (weniger).


So. Nach einer längeren Post-Pause aufgrund von Lustlosigkeit meinerseits, die voraussichtlich nach diesem Post erneut in eine längere aktive Phase übergehen wird, habe ich beschlossen, heute mal wieder einen sogenannten Beitrag auf meiner persönlichen Spread-Plattform, diesem Blog, zu veröffentlichen. Bald ist Weihnachten, etwas Melancholie ist da, Zeit auch, also -

Ausnahmsweise möchte ich heute meine Gedanken aber nicht im Rahmen einer emotional so aufgeladenen Übersprungshandlung niederschreiben, dass die Bezeichnung professionell standartmässig direkt abgewunken werden kann, sondern in Form einer Art selbsterstelltem Feedbackbogen rund um das tolle Thema BERLIN darlegen - und wie man sich als Schweizer Refugee hier halt so fühlt, nach knapp 4 Monaten Aufenthalt.
Yo.


                                           Berlin, abends, aussen

Looos gehts.→

BERLIN REALITYCHECK 


Top 3 der Aha-Momente, in denen man sich denkt: Aha! This, also, is Berlin!

#Monat 1

- Man findet sich an einer dicht befahrenen Kreuzung wieder, hat das Gefühl, mindestens in New York zu stehen gerade (obwohl man da noch nie gewesen ist), und weiss nicht ansatzweise, wo man ist. Verlorenheitsgefühl unerhöhbar. 10 Minuten später sitzt man in einem Taxi und hört sich mit dem für diese Uhrzeit (irgendwas zwischen 2 und Morgendämmerung) überraschend gut gelaunten Fahrer Frenchrap an

- Man passiert in unverhohlener Tourismusbereitschaft den Görlitzerpark, und stellt dann am Kottbusser Tor fest, dass dieses Tütchen, das man sich in spontaner Gutmütigkeit von einem euphorischen Hauseingangslümmler hat aufdrehen lassen, wohl mitnichten etwas enthält, das man seiner Grosstante zum Sonntagskaffee anbieten würde

- Man fragt vor dem Einsteigen einen x-beliebigen Busfahrer höflich, ob er die Haltestelle XY frequentiert, und bekommt als Antwort ein  "Kannste nicht lesen, hat ja en Schild draussen" entgegengeschleudert, das in seinem Tonfall diese unnachahmbare Kombination aus Gereiztheit und Desinteresse vereint, die man ausserhalb von Berlin wohl kaum antrifft. (Andererseits jedoch wird man nach verschrecktem Hinhalten eines x-beliebigen Zettels in Fahrscheingrösse jeweils grosszügig ins Fahrzeug gewunken)

#Monat 2

- Der vorrangige Bekanntenkreis setzt sich zusammen aus halbgaren Tinderbekanntschaften, Cuccis, Ditsch- und Backfactory-Angestellten in der Frühschicht, sowie diesem einen überambitionierten Flötenspieler, der stets in der S7 Richtung Ahrensfelde auftaucht

- Man steht sonntags im Mauerpark, hat erfolgreich einen Kater weggesteckt, und denkt sich: joa, so. Und nun?

- Man verschanzt sich unter dem Vorwand, seine Kreativität ausleben beziehungsweise jene endlich mal sinnvoll anpacken zu wollen, einsam in der Wohnung / dem möblierten Untermietszimmer, das man grad am Start hat, ist dann aber den Rest des Tages hauptsächlich mit dem Versuch beschäftigt, verfügbare W-Lan-Netzwerke anzuzapfen, um eine Netflixserie zu streamen, oder blöde Posts zu veröffentlichen

                                                    LCB, nachts, innen


#Monat 3

- Man ertappt sich dabei, bei Edeka Tofugeschnetzeltes aufs Kassenband zu legen anstelle von handelsüblichem FLEISCH. Bei diesem Vorgang hinterfragt man sich kurz selbst, kommt dann aber relativ rasch zum Schluss, dass der aktuelle Situationsverlauf nicht weiter verwerflich ist (und bereitet den getätigten Einkauf zeitnah auch beherzt zu)

- Der einzige Motivationsgrund, diesen hochgradig unterbezahlten Teilzeitjob, den man aus diversen Gründen mal angenommen hat, nicht sofort an den Nagel zu hängen, ist der erhöhte Kalorienverbrauch (kellnern)

- BVG-interne Lyrics wie "Zurückbleiben bitte" oder "Ausstieg in Fahrtrichtung links" können synchron mitgerappt werden, ohne dass ihr Informationsgehalt für das persönliche Orientierungsvermögen noch von Belang ist


TOP 4 DER ANZEICHEN, AN DENEN MAN MERKT, DASS MAN ES DRAUFHAT IN BERLIN

- Man wird zu ausschweifenden Abendveranstaltungen der Schweizerischen Botschaft eingeladen und zu den jeweiligen 5-Gänge-Menüs konsequent vis à vis der Botschafterin platziert, ohne dass man deren Namen kennt (und darf dafür aber seinen Tinderbekanntschaften im Anschluss erklären, was ein Apéro ist)

- Man geht am Kurfürstendamm entlang und trägt zwei volle Einkaufstüten (an jeder Hand)

- Man kennt inzwischen 2-3 Restaurants, die wirklich gut sind

- Man spricht mittlerweile mehr oder weniger fliessend türkisch und/oder arabisch und kennt mindestens fünf Leute, die einem notfalls ein gefälschtes Visum oder einen Kampfhund organisieren könnten, wenns hart auf hart kommt (oder zumindest einen Türsteher, der einen irgendwo gratis reinlässt)


TOP 4 DER ANZEICHEN, DASS MAN VERSAGT HAT IN BERLIN

- Man beginnt, in öffentlichen Mülleimern nicht mehr ausschliesslich Müllentsorgungssysteme zu sehen, sondern potentielle Geldlieferanten

- Man verpasst sich eigenmächtig den querdenkerischen Berufstitel Streetworker und empfindet sich als jemanden, der andern Menschen hilft. Menschen, die man ungefragt auf der Strasse anspricht. Und das, wohlgemerkt, nachdem man selber seit 3 Wochen obdachlos ist und im immergleichen Traineranzug von Adidas/Fila/Kik/#nagelmichnichtfest rumläuft

- Man postet Bilder in sozialen Netzwerken, auf denen man freudestrahlend vor dem Fernsehturm Glühwein trinkt (oder diesen mit zwei Fingerspitzen festhält) ... oder man hat immer noch nicht begriffen, dass es an der Zeit ist, das Selfie zwischen den erstbesten Elementen des Holocaust-Mahnmals allmählich zu löschen

- Man findet sich besoffen, verschwitzt und einsam in irgendeiner Ecke wieder - und hat das Gefühl, dies sei der richtige Zeitpunkt, um aufzugeben


TOP 4 DER AUGENROLL-MOMENTE IN BERLIN

- Das Signalverhalten von Ampeln

- Das Pfandsystem von Petflaschen

- Leute, die nicht genau wissen, warum sie hier sind, sich aber weiterhin hartnäckig mit ihrem Jutebeutel an von Facebook vorgeschlagene Events begeben, um dort dann wahlweise über die prekäre Wohnungssuche-Situation in Berlin im Allgemeinen zu reden oder über den aktuellen Avocadomangel in den Wilmersdorfer Arcaden im Besonderen

- Der Weihnachtsmarkt alias Kirmes zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke (sorry, aber da werden wirklich keine coolen Gadgets abgeliefert, weder vorweihnachtliche Kuschelstimmung noch Adrenalin→ Stichwort Geisterbahn)


TOP 4 DER HIGHLIGHTS IN BERLIN 

- Pack schlägt sich, Pack verträgt sich - nirgendwo sonst in Westeuropa findet man derzeit wohl einen so skurrilen Individuenmix wie in Berlin, der es trotz aller gesellschaftlicher Hindernisse (Stichwort AFD, Stichwort Start-up, Jamaika, Stichwort Stichwort), hinkriegt, diese Stadt am Leben zu erhalten, und zwar auf eine Weise, die gleichzeitig anstrengend, liebenswert und inspirierend ist

- Das Pfandsystem von Petflaschen

- Bars. Es gibt in Berlin einfach Bars, in die man reingeht und sofort fühlt: ja, hier will ich bleiben, hier kann ich Mensch sein. Der Stuhl wackelt, das Klo ist kaputt, aber alles ist perfekt. Hier würde mich der Barkeeper, wenn es sein muss, nach dem 34. Shot auch persönlich raustragen und auf seiner Couchsurfcouch übernachten lassen (und ausserdem wird hier gerade dieser eine geile Song gespielt, von dem man bislang dachte, der einzige Mensch auf Erden zu sein, der ihn kennt und liebt).

- SPÄTIS


Und zu guter letzt noch die Weihnachtsfrage:

- Warum ist Weihnachtsstimmung in Berlin überflüssig? - Weil man sowieso kein Geld hat, um den Liebsten das tolle Etwas zu kaufen, das sie verdient hätten

- Warum ist Weihnachtsstimmung in Berlin wichtig? - Weil man beim Gedanken an die eigene Familie trotz all der neu erlangten Coolness ein kleines bisschen Wehmut und Sehnsucht verspürt - und die Vorfreude auf einen Käse, der mal wieder richtig gut ist, Stichwort Fondue










Dienstag, 8. August 2017

Denkst du noch oder stirbst du schon?

In diesem Beitrag geht es um Scheisse, Gendergaps und nichts.

Ich war fest entschlossen, nie wieder zu bloggen. Warum, muss wohl nicht extra ausführlich begründet werden – macht jeder, liest eh keiner, man hat genug zu tun, Karpaltunnelsyndrom etc.
Wie dem auch sei: mein aktueller Zornpegel ist gerade so hoch angestiegen, dass ich trotz meiner lächerlich anmutenden Shout-Out-Credibility einfach mal wieder zu diesem fragwürdigen Mittel greifen muss – um zumindest ansatzweise das Gefühl haben zu können, nicht in ein Diddl-Album zu schreiben, sondern einen sogenannten Reach von 2 besoffenen Social-Media-Junkies zu erreichen (danke euch ihr Geilen!), wenn ich meine Gefühle kundtue, weil ich mir einbilde, ein Recht darauf zu haben, jene zu veräussern.

Ronja Rönne hat ja unlängst (oder war’s 2014?) irgendwas antisemitisches gegen den Feminismus gewettert, das sie irgendwie berühmt machte. Oder auch nicht. Ist auch egal. Ich würde gern anknüpfen (oder auch nicht): Diskriminierung und Frauenhass grassiert. Täglich. Überall. Schon mit 13 Jahren habe ich instinktiv Kleidungsstücke gemieden, die einen Ausschnitt beinhalteten, der freizügiger daherkam als jener in der Männerabteilung. Ob das der Grund ist, warum ich zum Islam konvertiert bin? Wohl kaum. Als Teenager war mir noch nicht klar, wie die Gesellschaft inklusive Wirtschaft (was schreibe ich hier?) funktioniert, es war mir auch egal (und ist es jetzt noch mehr).

In einem angesagten(?) Podcast namens ‚Beste Freundinnen’ (der von zwei Typen, sagen sie zumindest) betrieben wird, wird von jenen zwei ständig tränenhaft durch die Gegend gackernden Vollhorsten behauptet, Frauen seien nicht witzig. Frauen hätten ladylike zu sein. Frauen, die kumpelhaft sind, seien nur als lesbische BF’s ok, als potentielle Mütter von potentiellen Kindern (toll, dass ihr wie Eunuchen klingt, ihr Wixer), käme sowas nicht infrage. Ok. Ich habe nicht einmal mehr die Energie, mich darüber aufzuregen.
Ich habe heute ein Bild in meiner Instagramstory gepostet, das doch allen Ernstes einige Leute, die – zumindest virtuell- vorgeben, mich zu kennen, dazu veranlasst hat, mich zu fragen, ob alles in Ordnung sei.
Dazu kann ich nur sagen: NEIN, ist es nicht, wenn ihr sowas fragt. Denkt doch bitte mal nach. Warum darf eine Frau nicht sexy, intelligent, bescheuert, komisch, witzig, albern, kumpelhaft und erfolgreich zugleich sein? Was ist mit euch los? Grad mal wieder in irgendein geiles Ferienparadies geflogen, sprich über Kriegsgebiete wie Syrien hinweg, um auf Elefanten zu reiten, und nichts Besseres zu tun gehabt, als in den 5 Minuten W-Lan auf’m Flugplatz auf Social Media rumzueiern?

Ich würde ja gern noch sowas wie ‚bitte denkt’ anfügen jetzt, aber das käme dann wohl nicht melodramatisch genug an – nein, falsch, als Frau, die nicht aussieht, als würde sie zu Augenbrauen-Tutorials einschlafen (und sorry, Cara Delevigne gab es schon 2013) hab ich nun nur noch eins zu sagen: hört euch nochmal schön blechern-gepflegt Despacito an, dreht ein bisschen an eurem Finger Spidget Spinner wtf rum und schlaft wunderbar, ihr Idioten.

Dienstag, 7. März 2017

Bilder einfach.

In diesem Beitrag geht es mal um etwas ohne viele Worte.

Todays wishful thinking.




Magritte ist definitiv ein Held!


Reden ist Silber, Schweigen ist Gold


Dienstag, 7. Februar 2017

Zu scheisse um wahr zu sein?

In diesem Beitrag geht es um Weltschmerz, Kim Kardashian und Humor.

Die Welt geht den Bach runter. In der Schweiz werden hochgradig rassistische Plakate der rechten Partei aufgehängt, die in ihrer Drastik so karikativ wirken, dass man sich fragen kann, ob das jetzt einfach nur purer Hass ist oder pure Dummheit oder schlichtweg - vermutlich - beides.
In Amerika regiert ein selbstverliebter Clown mit horrenden Absichten, in der Türkei ebenfalls und überhaupt, scheint irgendwie die ganze Welt kollektiv einfach nur noch in sehr kurzen, regelmässigen Abständen laut und leidend aufzuseufzen.

Ist das wirklich so? Wird alles immer schlimmer? Stehen wir bald vor dem dritten Weltkrieg? Wer weiss. Ich weiss nur: mir ist dieser ganze Leidensdruck zuviel. Wenn alles so scheisse erscheint, dass man gar nicht mehr anders kann, als sich scheisse zu fühlen, erhebt sich in mir ein Protestgefühl, das mir leise, aber aufdringlich zuflüstert: so schlimm kann's doch gar nicht sein. Irgendetwas muss doch gut sein oder besser geworden oder zumindest Anlass bieten, sich zu freuen. Vielleicht ist das ein reiner Überlebensreflex, vielleicht Zweckoptimismus, vielleicht grenzenlose Naivität. Wer weiss. Ich weiss es nicht.

Einsamer Soldat, irgendwo


Fakt ist: wir, die wir in sicheren Zonen leben, können natürlich alles mögliche sagen über den Zustand der Welt, ohne einen wirklich authentischen Eindruck von dem zu haben, worüber wir reden. Die meisten von uns wissen, wie sich Zahnschmerzen anfühlen, aber nicht, wie es sich anfühlt, mit einem Boot von Syrien her über den Ozean zu scheppern. Manchmal frage ich mich, ob wir uns überhaupt anmassen dürfen, unsere Ansichten über verheerende Umstände in andern Ländern in die Öffentlichkeit hinauszuplärren. Denn den meisten von uns geht es - objektiv betrachtet - doch einigermassen gut. Man kann sich aufregen, man kann es aber auch sein lassen. Finde ich. Oder es zumindest versuchen. Weltschmerz mit Freude bekämpfen statt mit Leiden. Irgendwie.

Bei Leuten wie, ich sag jetzt mal, Kim Kardashian, funktioniert das ja auch. Die lebt zwar unmittelbar in Trumps Terrorgebiet, aber irgendwie scheint sie ja trotzdem noch weiter fröhlich ihr Ding machen zu können. Okay, mit Kanye mag es nicht so gut laufen zurzeit, aber immerhin postet sie wieder Bilder auf Instagram, auf denen ersichtlich ist, dass es ihr einigermassen gut zu gehen scheint und auch ihren Himmelsrichtungenkindern. Von überdimensionalen Gesässaufnahmen ist auch keine Rede mehr. Irgendwie ja auch beruhigend. Oder? Nein, eigentlich nicht. Vielleicht geradezu beunruhigend. Aber eben: ohne irgendeinen Zugang von Notfallnormalität wären wir wahrscheinlich verloren. Ich zumindest. Und ich verfolge ehrlich gesagt lieber das Privatleben von irgendwelchen Promis, die nichts mit Politik zu tun haben, anstatt mir den Output eines Donalds reinzuziehen.

Linda B. aus G. lässt sich nicht entmutigen und arbeitet weiter fleissig an ihrer Bodytransformation.


Das Leben muss weitergehen. Der Frühling kommt. Ich habe keinen einzigen meiner Vorsätze eingehalten, aber irgendwie ist ja auch das beruhigend, zu wissen, dass Veränderung eben nicht erzwungen werden kann manchmal, dass man manchmal eben vielleicht einfach versuchen sollte zu akzeptieren, wie die Umstände sind, auch wenn sie scheisse sind - und sich vielleicht sogar zuzugestehen, dass es schlimmer sein könnte, und das nicht als Selbstbetrug anzusehen, sondern als gesunde Haltung.

Und was klingt wie ein komplett altbackener Beizengängerspruch oder zumindest etwas, das als Patentrezept nicht ernst genommen werden darf von seriösen Bürgern, finde ich doch eben wirklich: man kann auch versuchen, alles ein bisschen mit Humor zu nehmen. Man ist sich ja einig, dass Trump eine Witzfigur - wenn auch eine gefährliche - ist, also, warum nicht wirklich einfach mal nur herzlich lachen?
Ich weiss, wenn es um bedrohte Menschenleben geht, dann mag das Verb 'lachen' vielleicht sadistisch und unbedacht anmuten. Aber es würden ja auch weiterhin Menschenleben bedroht, wenn man heulen und sich echauffieren würde.
Mein Wutbudget zumindest ist begrenzt. Ich habe keine Energie dafür. Ich kann mich nicht über Kabelsalat ärgern, über die mängelhaften Akkukapazitäten meines iPhones und darüber, dass ich nachts nicht schlafen kann, und dann auch noch über jeden einzelnen politischen Misstand auf der Welt. Dafür habe ich nicht genug Akkukapazitäten. Deshalb bleibe ich dabei, es mit Humor zu nehmen. Und die Hoffnung nicht aufzugeben. Ich finde nämlich, dass die Welt insgesamt betrachtet eigentlich ganz okay ist. Und die Menschheit an und für sich auch. Wir haben es immerhin geschafft, über 2000 Jahre gemeinsam einen Planeten zu erhalten. Wir sind zwar dabei, diesen systematisch zu zerstören, aber noch ist es nicht so weit. Noch haben wir uns noch nicht selbst besiegt, und das ist doch eigentlich schon mal ein nicht ganz so schlechter Ausgangspunkt.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Vorsätze

In diesem Beitrag geht es um Kommen, Gehen und Siegen.

Sich Vorsätze fürs neue Jahr zu machen ist eigentlich schon fast wieder so abgedroschen, dass man es eigentlich mal machen könnte. Um nicht ganz so ausgiebig im Klischeebad zu planschen, könnte man sie zur Abwechslung ja dann auch mal einhalten.

Ich habe mal ein bisschen zusammengesammelt, was ich 2017 umsetzen möchte. Folgende wären meine Vorsätze:

- 10 Kilo abnehmen, um dann mit dem Rauchen aufhören und durch die allgemein bekannte Ersatzhandlung NASCHEN wieder 10 Kilo zunehmen zu können, ohne eine Plusbilanz auf der Gewichtsskala zu haben

- Eine gute Antwort auf die Frage 'Warum?' finden

- Eine noch bessere Antwort auf die Frage 'Ist das wirklich passiert?' finden

- Nicht mehr alleine in der Öffentlichkeit herumfluchen, um nicht den Eindruck zu erwecken, ein alkoholisierter Clochard zu sein

- Tinder desinstallieren

- Nicht mehr mit meiner sogenannten Flugangst kokettieren, nur um dann beim Check-In als Erste genervt zu sein, wenn es nicht schnell genug geht

- Besser mit Komplimenten umgehen lernen

- Besser mit Kritik umgehen lernen (wahlweise weniger ernst oder ernster nehmen)

- Ein Aquarium zulegen (weil ich Fische wirklich mag und nicht nur ein Statement gesucht habe, zu dem gerade eine passende, aktuelle Zeichnung am Start war!)
... (und dann auch richtig schöne Tiefseepflanzen kaufen, nicht nur dieses dekorative Möchtegern-Unterwasser-Ikea-Zeug)







- Einen Monat vegetarisch leben, um mal wieder zu spüren, wie das ist, auf etwas zu verzichten, das man liebt



- Keine Fragen mehr stellen, deren Antwort einen nicht interessiert

- Endlich einen guten Witz erfinden (das versuche ich schon, seitdem ich ein Kind war - wie kann es so schwer sein, eine so kurze Erzählung zu erschaffen?)

- Lernen, tapfer und angstlos auf Leute zuzugehen, mit denen man aus irgendeinem Grund interagieren möchte

- Multitaskisches Verhalten endgültig aus dem Alltag verbannen und begreifen, dass die Dinge wirklich nicht schneller erledigt sind, wenn man sie parallel zueinander zu erledigen versucht

- Sich nie wieder etwas vornehmen, von dem man sich nicht sicher ist, dass man es einhalten möchte




Samstag, 5. November 2016

Das geistige Alter

In diesem Beitrag geht es um Reife, Sex und Seife.

"Man ist so alt, wie man sich fühlt", ist natürlich ein Satz, den sich nur Hohlköpfe trauen, laut auszusprechen, Leute, denen die natürliche Angst vor Allgemeinplätzen fehlt (ist doch eine natürliche Angst, oder!). Trotzdem ist es wohl wahr, dass man sich nicht immer so alt fühlt, wie man ist - was immer jedwedes Alter einem auch für Gefühle auftischen mag. Ich finde 24 ein schwieriges Alter. Man ist aus dem Gröbsten raus, aber noch nicht ganz darüber hinweg. Die Teenagerzeit nagt noch ein kleines bisschen an den Nerven und die Gedanken ans ganz-erwachsen-werden (so mit 30 oder so) lassen sich noch relativ einfach aufschieben.


Auch hin und wieder noch kindisch: Sandra Meier, 27, Bürokauffrau

Als Kind mochte ich Seife, die Tierformen hatte. Jetzt mag ich Seife, die aus dem Spender schäumt, als würde man Milchschaum aus einer Maschine pressen. Manchmal gehe ich in Einkaufscentern einzig und allein deshalb in die Toilette, um diese Seife auf meine Hände zu schmieren. Ist ja auch nicht gerade unkindisch.
Meine beste Freundin hat geheiratet - sie ist ein Jahr jünger als ich. Mein bester Freund ist 15 Jahre älter als ich und betreibt einen eigens lancierten Hobbyharem. Ist einer von ihnen nun weniger erwachsen als der andere? Je ne sais pas.
Unlängst hat mich an der Tramstation ein schätzungsweise 300 Jahre alter Mann zu einem Paartanz aufgefordert (ich glaube, er war nicht betrunken). Ich fand seine Dynamik zwar rührend, aber es war mir dann doch etwas unangenehm, zumal mein Knie seit Neustem höllisch schmerzt.



Als Kind gab es für mich nichts Schöneres als Eisstände. Heutzutage eigentlich auch nicht. Leider wurden die alle längst von Marroniständen abgelöst, welche ich noch nie leiden konnte. Mit 9 dachte ich, mit 16 hätte ich vielleicht schon einen Mann und Kinder. Das ist mir zwar nicht gelungen, dafür darf ich mir aber nun offiziell eingestehen, dass mir ein anderer Traum gelungen ist, und zwar den, ein Buch zu veröffentlichen. Okay, Publikationstermin ist der 1.3.2017, aber immerhin steht er fest. 

Ich bin glücklich! Und gleichzeitig verstört. Alles ging so schnell. Und wenn ich daran zurückdenke, dass ich erste Teile des Romans mit 19 begonnen habe zu schreiben, dann kommt mir das richtig seltsam vor, als stecke ich in einer Zwischenzeit oder würde auf ein anderes Ich blicken, das von einem andern Planeten aus irgendwelche Outputs in mein Leben streut und von mir verlangt, dass ich sie in meine Alltagsgestaltung einbaue. Irgendwie so. Oder auch anders. Jedenfalls bin ich auch nervös, denn ich weiss, dass viele Fragen auf mich zukommen werden. Viele Fragen über Sex. Vielleicht auch ein paar wenige über den Tod (um den geht es nämlich EIGENTLICH in der Geschichte). Vielleicht eine Frage zu Oskar.  Aber Sex, darauf muss ich mich gefasst machen, wird mir auf jeden Fall als Ausgangsinteresse vorgeworfen werden, und auch wenn ich hoffe und auch noch einigermassen zuversichtlich denke, dass ich das werde handeln können, werde ich mir doch vorab ein paar Gedanken darüber machen müssen, wie ich dem Ganzen begegnen werde.

Jänu. Kommt Zeit, kommt Rat. Ich zähle auf dich, 2017.






Freitag, 23. September 2016

Eine Sturzgeschichte

In diesem Beitrag geht es um Terrorismus, Tinder und die ewige Wiederkehr der Dinge.



Araban Akbar entschloss sich mit 23 Jahren zum Terrorismus, sprengte eine regionale Bank mit fünfzehn Menschen, inklusive sich selber, in die Luft und trat im Jenseits 72 Jungfrauen gegenüber. Albrecht Huber kaufte sich bei OBI zwanzig verschiedene Sorten Pflanzen und drei Säcke Bioerde und schaffte es nicht, seinen Garten so schön aussehen zu lassen wie der seines Nachbarn. Henriette Rinderknecht spielte zum sechsten Mal in ihrem Leben Lotto und gewann  zum sechsten Mal nichts, worauf sie sich zu einem Fitnesscenter-Abo entschied, von dem sie nur einmal - am gleichen Tag - Gebrauch machte. 

Bevor dies alles geschah, begegneten sich Araban, Albrecht und Henriette eines Tages an einer Busstation, deren Standort unwichtig ist. Zufällig standen sie alle drei zur selben Zeit an derselben Station und beabsichtigten mehr oder weniger zeitgleich, vom Ticketautomaten Gebrauch zu machen. Die beiden Herren einigten sich nach einem kurzen Blickwechsel offenbar stillschweigend darauf, dass sie beide Gentlemen waren, und liessen Henriette zuerst lösen.
Dies hatte zur Folge, dass Araban und Albrecht schwarz fuhren, denn was sie nicht wissen konnten, war, dass Henriette Ausländerin war und noch nie einen Ticketautomaten wie diesen hier bedient hatte und daher folglich sehr lange brauchte, bis sie ihren Schein in der Hand hielt.

Um es nochmal zu betonen: der Bus fuhr vor und alle drei stiegen ein, aber nur Henriette besass ein Ticket.
Und  natürlich kam es, wie es kommen musste: nach zwei Stationen schon stieg Jérome Sinclair ein, der von Berlin eines Tages hierhergezogen war, obwohl er lieber nach Montmartre zurückgekehrt wäre. Egal, jedenfalls hatte er sich in Deutschland zum Ticketkontrolleur umschulen lassen (falls es dafür überhaupt eine Umschulung gibt. Egal). Sinclair jedenfalls betrachtete die beiden Herren, die sich zufällig nebeneinander gesetzt hatten, mit einer Feindseligkeit, die man der Fairness halber als berufsbedingt bezeichnen sollte.

"Ticket?", wollte er von ihnen wissen. 
Araban und Albrecht blickten sich ratlos an. Araban dachte nicht an Jungfrauen, Albrecht dachte nicht an seine schlecht gedeihenden Pflanzen. Beide dachten nur: Mist, ich bin am Arsch, ich habe kein Ticket. Beide blickten zu Henriette, die seelenruhig in einem Buch blätterte, dessen Sprache die beiden Männer nicht kannten, und sich im übrigen mit dem Rücken zum Geschehen hingesetzt hatte, zufällig.


"Kein Ticket?", wollte der Busfahrer wissen. Araban schüttelte den Kopf. Albrecht hob vage die Schultern gen Ohren. 
"Also kein Ticket." Sinclair zückte ein elektronisches Gerät und begann darauf herumzustochern mit etwas, das man wohl irgendwie Pen nennen darf. Kurze Zeit später standen Araban und Albrecht mit identischen Busszetteln auf der Strasse und beschlossen im Stillen und jeder für sich, dass sie nie wieder Gentlemen spielen würden, schon gar nicht für ausländische Frauen, die ihnen keine Dankbarkeit zollten.

"Na dann", sagte Albrecht aus einem nicht wirklich klar identifizierbaren Impuls heraus zu Araban und klopfte ihm zusätzlich verabschiedend auf die Schulter. Araban wandte sich ab.



3 Jahre später stellte Araban fest, dass die Jungfrauen im Jenseits sich mehr dafür interessierten, die unter den Wolken liegenden Stromnetze anzuzapfen, um sich auf Tinder mit ihrer Jungfräulichkeit zu brüsten und nach reichen Amerikanern Ausschau zu halten als dafür, mit ihm ins Bett zu gehen. 
Albrecht sass daheim auf seinem Balkon, trank Limonade aus einer Kaffeetasse und spuckte eine Ladung Schleim auf einen Haufen Bioerde, der ihm eigentlich hätte zu Ansehen verhelfen sollen. Beide fühlten sich wie Versager. Und Henriette? Wer weiss. Vielleicht verliebte sie sich in den Busfahrer, aber das ist eher unwahrscheinlich, Henriette hasste Franzosen.

"Wer hinfällt, muss wieder aufstehen", las Albrecht in einem austauschbaren Buch. Wer steht, fällt um, dachte Albrecht. Araban las "Und dein Herr, Er ist wahrlich der Allmächtige, der Barmherzige" und fragte sich, für wen er gestorben war. 
Henriettes Schwester, deretwegen Henriette damals unter anderem das Fitnesscenter-Abo gelöst hatte, las in einem Magazin mit pinker Schrift, dass es sie nur fünf Schritte koste, um zum idealen Sommerpo zu gelangen, und wünschte sich drei Sekunden lang den schnellen, schmerzlosen Tod.
Es wurde Winter und anschliessend Frühling. 

Dies ist der Blog von Laura Wohnlich. Sie schreibt, macht aber auch andere Dinge. Auf diesem Blog geht es um Kunst, Literatur, Poesie, Politik und ganz gerne auch mal einfach nur darum, die Seele baumeln zu lassen. Auf diesem Blog geht es darum, "den Helden in sich zum Vorschein zu bringen". Man kann noch lange darauf warten, dass Hero auf irgendwas angeritten kommt und einem das Leben zurechtrückt. Sei dein eigener Held und reiss dem Deppen der glaubt, er wisse es besser als du, die Zügel aus der Hand!